Ringvorlesung Studium Universale „Hat der Islam ein Problem mit der Moderne?“

Ringvorlesung Studium Universale „Hat der Islam ein Problem mit der Moderne?“

2019-01-31T14:24:52+00:0029. Januar 2019|

Seit einigen Jahrzehnten tritt „die Moderne” weniger selbstgewiss auf. Viele Menschen fragen sich, ob nur Wissenschaft, Demokratie, Menschenrechte und – vielleicht – der Kapitalismus dazugehören oder ob auch Nationalismus, Populismus, Fundamentalismus und Imperialismus als unvermeidliche ‚Kollateralschäden‘ in Kauf zu nehmen sind. Selbstkritisch gewordene europäische Gesellschaften haben mit Post-Kolonialismus, Gender-Theorien und starken (überzogenen?) Toleranzerwartungen ein allzu starkes Festhalten an Dogmatik und Tradition aufgegeben. Binnentheologisch haben Theologie und Kirchen darauf teilweise mit Reformforderungen darauf reagiert. Dies alles in einer offenen und liberalen Gesellschaft, die damit das Risiko eingeht, dass beispielsweise der Nationalismus fröhliche Urstände feiert.

Vor diesem Hintergrund soll nach Reformansätzen im Islam gefragt werden, der in den Medien vor allem mit Ehrenmorden, Steinigungen und Enthauptungen oft sehr einseitig dargestellt wird. Islam als Sammelbegriff (?) verschiedener Schulen und Denkrichtungen, ein Islam, der  von vielen zeitgenössischen Intellektuelle interpretiert wird, die für ein neues Islamverständnis plädieren und dieses theologisch aus den islamischen Quellen begründen. Wie agiert der Islam in der Moderne, und wie sollte er agieren?

Mit der Etablierung von Lehrstühlen und Studiengängen zur islamischen Theologie versucht die Bildungspolitik auch in NRW europäischen Stimmen im Islam mehr Geltung zu verschaffen. Statt traditionsorientierten Importen aus der Türkei, aus Saudi-Arabien oder Ägypten gewinnt so tatsächlich die Auseinandersetzung zwischen moderner Wissenschaft und islamischer Koranauslegung deutlich an Gewicht.

 

09.10.2018 Prof. Daria Pezzoli-Olgiati, LMU München

Zwischen Innovation und Tradition: Frauenfiguren auf der Suche nach Identität

Die Frage nach der Rolle von Frauen in der Gesellschaft findet auch im 21. Jahrhundert keine Ruhe. Was bedeutet es eigentlich, eine Frau zu sein? Welche Rolle sollen Frauen in der Familie oder in der Gesellschaft übernehmen? Der Vortrag vertieft diese Fragen in Autoren-Filmen, die muslimische Frauen inszenieren. Anhand von Porträts, die Frauen als Fremde auf der Suche nach einer eigenen Identität präsentieren, leisten die ausgewählten Filme einen starken Beitrag zur Reflexion über unsere Gesellschaft. Damit öffnen sie künstlerische Räume, in denen das vermeintlich Selbstverständliche hinterfragt und neue Ideen geschmiedet werden.

Die Referentin hat das Spektrum „Medien und Religion” im Rahmen einer  Züricher Forschungsprofessur erforscht und lehrt jetzt an der Ludwig-Maximlian-Universität München.

 

11.12.2018 Prof. Angelika Neuwirth, Berlin

Kritische Koranforschung

Ist der Koran ein rein islamischer und damit „dem Westen” fremder Text? Der Koran wird als neue und eigenwillige Stimme in jenem Konzert spätantiker Debatten begriffen, in denen auch die theologischen Grundlagen der jüdischen und christlichen Religion gelegt worden sind? Somit wird er als ein auch Europa vertrauter Text erkennbar, der unbeschadet zum ‚europäischen Erbe‘ gerechnet werden könnte, trennten nicht uralte Vorurteile von einer unvoreingenommenen Wahrnehmung. Dabei handelt es sich nicht wie im Fall der hebräischen Bibel oder des Neuen Testaments um ein kontinuierlich lesbares Buch, sondern um das, was das Wort «qur’an» – ein syrisch-aramäisches Lehnwort – neben «Vortrag», «Lesung» eben auch bedeutet, eine «Perikopensammlung», d. h. ein Schriftkorpus, aus dem Texte zur liturgischen Rezitation ausgewählt werden können.

Die Referentin leitet das Forschungsvorhaben Corpus Coranicum, das die Erstellung einer historisch-kritischen Dokumentation des Korantextes samt literarkritischem Kommentar zum Ziel hat.

 

18.12.2018 Prof. em. Dr. Bassam Tibi, Göttingen

Zwischen schriftgläubiger Fiqh/Sakraljurisprudenz und Reform – Theologie im Kontext islamischer Bewältigung der kulturellen Moderne

Im innerislamischen dominierenden Verständnis erfolgt die Beschäftigung mit religiösen Fragen schriftgläubig (sola scriptura) als Fiqh (Islam als Rechtsreligion) nicht als Kalam/Theologie. Anschließend an sein Hauptwerk „Islam’s Predicament With Modernity“ wird Bassam Tibi sich mit diesem islamischen Verständnis auseinandersetzen.

Drei zentrale Gegenstände islamischer Bewältigung der kulturellen Moderne werden im Mittelpunkt stehen:

– Glaube und Wissen

– Das islamische Recht Schari’a im Konflikt mit dem legislativen Recht

– Das islamische Menschenbild in der Spannung zwischen der Bestimmung des Menschen als einem Individuum (das Subjektivitätsprinzip) und Einordnung in das Kollektiv der Umma.

 

08.01.2019 Prof. Ahmad Milad Karimi, Münster

Zur Gottesvorstellung im Islam

Der Glaube an den einen Gott stellt das tragende Moment der Religion des Islams dar. Von welchem Gott ist hier aber die Rede? Und wie lässt er sich denken? Wenn die Gottesvorstellung im Islam eine trinitarische Deutung der Einheit Gottes ausschließt, wie lässt sich dann überhaupt von Gott reden, und inwiefern können ihm dann überhaupt Eigenschaften zugesprochen werden, ohne dass seine Einheit verletzt wird? Worin besteht also das Wesen Gottes und worin seine Tat? Wenn der Koran als Offenbarung Gottes gilt, wie ist dann die Rede von Gott in Geschichte und Gegenwart zu bestimmen? Diese und weitere Fragen werden im Vortrag aufgegriffen und beantwortet.

Als stellv. Leiter am Zentrum für Islamische Theologie erforscht der Referent systematisch die islamische Religionsphilosophie und ihre Geschichte.

 

29.01.2019 Prof. Bülent Ucar, Osnabrück

Islamische Normen im Transformationsprozess – zwischen tradierten Texten und innovativen Kontexten

Entgegen einem verbreiteten Irrtum hat die  Scharia noch nie ein einheitliches Rechtssystem ausgebildet, sondern existierte seit Jahrhunderten in verschiedenen, einander durchaus widersprechenden Rechtsschulen, die schon immer aufeinander reagierten und in stetigem Wandel begriffen waren. Es stellt sich die Frage, inwieweit sie sich auch heute noch dem Wandel öffnen. Worin bestehen die Fallstricke einer Verhältnisbestimmung zwischen dem Normenkatalog der Scharia und westlichen Grundrechtsvorstellungen? Welche Herausforderungen gibt es für die islamische Religionspädagogik an einer staatlichen deutschen Schule?

Am Institut für islamische Theologie bildet der Referent islamische Religionslehrer aus. Er hat seine Habilitationsschrift der Wandelbarkeit der Scharia in der aktuellen Diskussion in der Türkei gewidmet.